Ein Haus fürs Volk

22 Sep 2019

In vielen Städten gab es ein Volkshaus. Die Arbeiterschaft empfand zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Notwendigkeit für eigene Räume: für Versammlungen und fürs gemütliche Beisammensein. Der Name ist vielerorts erhalten geblieben, die Strukturen dahinter haben sich unterschiedlich entwickelt. In Wädenswil feiert das Volkshaus sein Hundertjähriges – und zwar noch immer als jene Volkshausgenossenschaft, die 1919 den «Löwen» gekauft hat. Christian Winkler hat für die kleine, in Wädenswiler Volkshaus-Rosa gehaltene Festschrift das Archiv der Volkshausgenossenschaft durchforstet. So kann er einen schönen (und schön illustrierten) Überblick über ein bewegtes Jahrhundert Arbeitergeschichte geben, wie sie sich abseits der Metropolen abspielte.

 

Das Geld für die nötigen Investitionen aufzubringen, war für die Genossenschaft immer wieder ein Kunststück. 1936 gab es Ungeziefer in den Gästezimmern, dessen selbst der «Spezialist für derartige Massentötungen» nur teilweise Herr wurde. Erst 1966 baute man ein separates Damen-WC, und erst 1969 wurde dieses an die Kanalisation angehängt. Dafür klemmte dann 1970 der Warenlift, der Boiler war verkalkt, der Backofen durchgerostet, die Kühlanlage hinüber ... Immer mal wieder musste auch das Wädenswiler Proletariat dazu aufgerufen werden, im Volkshaus zu tagen und zu trinken und nicht in bürgerlichen Wirtschaften, «die zwar die Arbeiterbatzen nehmen, sonst aber Feinde der Arbeiterschaft sind».


Die Bedeutung als Baudenkmal (das markante Türmlihaus steht seit 1980 unter Denkmalschutz) und für das Ortsbild wird im Büchlein ebenfalls gewürdigt. Schliesslich ist auch der aktuelle Stand wiedergegeben: Eine feste Mieterschaft (darunter das Sozialamt) sorgt für kontinuierliche Einnahmen. Und der Pächter bewirtschaftet ein Restaurant mit thailändischer und singapurischer Küche unter dem Namen «Coriander Leaf».


Christian Winkler: 100 Jahre Volkshaus Wädenswil. Ein Haus für die Arbeiterschaft, Wädenswil 2019. 83 Seiten, 25 Franken. Bestellung per Mail

 

Dieser Beitrag ist ursprünglich im VPOD Magazin erschienen.

 

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